Die Kultur des Handgebens

„Die Syrer wollen einem immer die Hand geben“, sagt eine Sachbearbeiterin im Job-Center, ihre Kolleginnen nickten. „Das ist sicher nett gemeint, aber man muss dann immer erklären, warum man das nicht tut.“ Es ist ein unerwartetes kulturelles  Missverständnis, was die Teilnehmerinnen unseres Workshops für interkulturelle Kompetenz da ansprechen. Aber wir hören es immer wieder: In Syrien scheint man sich übermäßig die Hände zu schütteln. Eine Verwaltungsangestellte hat deshalb sogar schon ein Schild aufgehängt, das auf Ansteckungsgefahr bei Erkältungen hinweist.

Aber was genau ist überhaupt der kulturelle Unterschied? Gibt es überhaupt einen?

„In Deutschland gibt man sich zur Begrüßung die Hand.“ So stand es in zahlreichen
Willkommensbroschüren, die 2015 mit dem Zuzug von rund einer Million
Flüchtlinge produziert wurden. Vielleicht haben die Zuzüglinge das schlicht
etwas zu ernst genommen.

Begrüßungsrituale sind ein wichtiges Thema in der interkulturellen Kommunikation. Dass religiöse Muslime zuweilen dem anderen Geschlecht nicht die Hand geben wollen, sorgt immer wieder für Verärgerung. Einen kleinen Skandal produzierte ein Imam, der Julia Klöckner, CDU-Vorsitzende in Rheinland-Pfalz, nicht die Hand geben
wollte. Es gibt verschiedene Versionen darüber, wie das genau abgelaufen ist
und mancher meint, der liberalen muslimischen Gemeinde in Idar-Oberstein sei
Unrecht geschehen, weil Frau Klöckner bei potentiellen AfD-Wählern punkten
wollte. Das soll uns hier aber nicht weiter beschäftigen. Uns interessiert,
warum das Thema überhaupt zum Skandal taugt.

In Leserforen zu diesem und anderen Handschüttel-Skandalen finden sich
gegensätzliche Meinungen. Die einen halten das Handgeben für maßgeblichen
Ausdruck deutscher Kultur, an den sich Neuankömmlinge anzupassen hätten. Für
die anderen ist es eine unwichtige Geste, aus der man nun wirklich kein
Politikum machen sollte.

Beides ist falsch. „Wie ist das in Deutschland mit dem Hand geben?“ fragen wir in unseren Workshops und lassen die Teilnehmenden in Arbeitsgruppen ihre eigene Kultur ergründen. Sie sollen beantworten, wann, wem und warum man die Hand gibt.

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